GRAB IST LEER
Aktuelle Produktion
Der Rainbacher Evangelienspiele


Dr. Hans Wrdinger
Das Spiel der vielen Fragen
Eine Einführung zum Evangelienspiel
„Das Grab ist leer - Die fünfzig Tage“ von Friedrich Ch. Zauner

Am Anfang ist die Leere - verunsichernd, Fragen auslösend, verwirrend. Sie suchen einen Toten und finden nur ein leeres Grab, daneben zwei römische Wächter, die sich unbeholfen bemühen, mit der für sie so peinlichen Situation einigermaßen gut fertig zu werden. Da sind Petrus und Johannes, auch sie verunsichert, verwirrt. Da ist der Gärtner - das Johannes-Evangelium stellt ihn Maria von Magdala gegenüber. Bilder, Szenen, die jedem vertraut sind, der die Osterbotschaft kennt, zunächst, so scheint es, eng angelehnt an das Evangelium des Johannes, aber bald löst sich die Szene von der biblischen Überlieferung, gewinnt neue Konturen, stellt neue Fragen.
Friedrich Ch. Zauner hat in seinem Evangelienspiel über die fünfzig Tage zwischen Ostern und Pfingsten viel gewagt. Denn es ist noch einigermaßen leicht, das Leiden und den Tod auf die Bühne zu bringen, die Passion, die Kreuzigung.  Das verstehen die Menschen immer noch. Leiden und Tod sind allgegenwärtig, sind immer auch Anstoß zu Frage und Anklage, zur Frage auch nach Opfern und Tätern. Aber die Auferstehung, das Ostergeschehen? Etwas zeigen, was eigentlich nicht sichtbar ist, was sich nur erspüren, erahnen lässt, ja letztendlich nur glauben lässt? Etwas, das sich aller menschlichen Berechnung und Machbarkeit entzieht? Dafür reichen die biblischen Aussagen nicht immer aus. Sie erscheinen dem heutigen Menschen, der sich die Welt zu erklären sucht, wie fremde, vielleicht noch erbauliche Geschichten. Zauner versucht, die Botschaft der Auferstehung, das Unbegreifliche, durch fragende Menschen begreiflich zu machen, das Ungesagte in die Sprache der Fragenden, der vom leeren Grab Bewegten zu bringen.
Dadurch wird die Handlung notwendigerweise auf mehrere Ebenen verlegt, wie auch die Annäherungen an den, der nicht mehr da ist, der nur spürbar ist, sehr unterschiedlich sind. Da sind die Römer, die nur dem momentanen Zweck und Nutzen dienend  handeln, die nur Befehlsempfänger sind, ohne sich ernsthaft mit den Hintergründen zu befassen. Zu diesen Römern, den durch die Stimmung im Volk verunsicherten Befehlsempfängern gehört auch der Statthalter des Kaiser: Jesus war der große Irrtum des Pilatus.
Da sind die jüdischen Wissenden, die Gelehrten, denen dieser Jesus in seinem Auftreten und mit seiner Botschaft höchst verdächtig war, die seine Lehre nicht verstehen konnten und wollten, die ängstlich an ihrem Weltbild festhielten. Und da sind die Jünger, die auf Jesus ihre Hoffnung auf ein neues Reich gesetzt hatten. Für die Römer war der „Fall Jesus“ ein Fall wie viele andere, ein Fall, den sie mit ihren Mitteln der Gewalt und Brutalität zu Ende gebracht haben. Sie bleiben im Vordergrund des Geschehens, sachlich berechnend, nicht einmal ahnend, welche ungeheure Sprengkraft sich hinter dem leeren Grab wirklich verbirgt. Sie haben den „Fall Jesus“ erledigt.
Einer der Wächter hat ein Faustpfand, den Leibrock des Gekreuzigten. Er will diese Reliquie zu Geld machen, schachern mit der Erinnerung, aber es misslingt kläglich. Niemand will diesen  Rock haben. Er erinnert nur an einen Toten - und jetzt stellt sich die Frage nach dem Lebendigen. Für die Juden ist dieses Stück Stoff Erinnerung an einen Unbequemen, den sie am liebsten in der Vergessenheit begraben - für die Jünger ist dieser Rock nur Hindernis auf dem Weg des Begreifens. Das Unbegreifliche wird durch ein Gewandstück wohl oberflächlich begreiflich - der tote Gegenstand bleibt aber tot. Das leere Grab, der Abwesende, der sich nicht festhalten lässt, sich nicht in ein menschlich kleines Bild formen lässt, der bewegt. Die Leere löst eine Such- und Fragebewegung aus. Da ist kein Platz mehr für das Nebensächliche, und nicht mehr ist dieser Rock.
Die Wächter lassen sich willig bestechen, um den Fall Jesus endgültig aus der kleinen Welt zu schaffen, die allmählich zu zerspringen droht: Die Denkweise der jüdischen Gelehrten, des jüdischen Glaubens hält diese Welt nicht mehr zusammen. Jetzt geht es um das neue Sehen und um das neue Glauben. Friedrich Zauner zeichnet diese Spannung - hier wieder im Kern angelehnt an das Johannes-Evangelium, an Petrus und Johannes nach. Petrus, der Sehende, Johannes, der Glaubende. Später wurde aus Petrus das erste Haupt der Kirche, Johannes der große Seher der göttlichen Offenbarung. Die Mitte des Spiels - der Auferstandene -  jedoch ist eigentlich unsichtbar. Es sind immer nur menschlich-begrenzte Versuche der Deutung möglich - Deutung aus unterschiedlichen Blickwinkeln, Deutung, die von vornherein die Antwort vorgibt und auch Deutung, die offen ist, Fragen zulässt, ja herausfordert.
Es ist ein weiter Weg, der zum Begreifen der Auferstehung führt. Da ist zunächst die Erinnerung an den Toten, den Lebenden: Sie wird allmählich dichter, sie wird zu einem neuen Tag nach einer langen, trostlosen Nacht. Das Geschehen im Evangelienspiel entwickelt sich wie ein Sonnenaufgang - aus der Dämmerung, der Unsicherheit, der Grenze zwischen Nacht und Tag in das Licht des Begreifens hinein.
Das Grab ist immer auch Erinnerung an die Sterblichkeit, an den allgegenwärtigen Tod. Das Grab, das da auf einmal leer war, ist die logische Folgerung aus der Botschaft des Auferstandenen: „Die Zeit des Sterbens ist vorbei.“ Der Tod wird sehr wohl als eine unausweichliche Macht gesehen, aber nicht mehr bedrohlich, nicht mehr als absolute Gegengewalt gegen das Leben, sondern als unausweichlicher Bestandteil menschlichen Seins.
Dazu gehört auch der Blick auf die griechische Philosophie. Jesus - der neue Sokrates, ein auf  den ersten Blick kühner Vergleich, bei näherem Hinsehen durchaus einleuchtend. Immerhin hat sich im Lauf der Zeit vieles von hellenistischem Gedankengut auch in die christliche Überlieferung eingewoben. Jude und Graecus - zwei Sichtweisen auf den Menschen werden hier im klassischen Disput gegenübergestellt: Die Logik wird durch die Auferstehung durchbrochen, ja auf den Kopf gestellt. Hier beginnt die Verbindung von Glaube und Vernunft. „Getötet werden kann der Leib, niemals eine Idee“ - was Zauner dem griechischen Denker sagen lässt, wird ebenfalls zur Annäherung an die Auferstehung. Allerdings ist diese mehr als eine Idee, Jesus mehr als nur eine Weltanschauung. Diese Diskussion zwischen dem Juden und dem Griechen wird gewissermaßen der Untergrund des  Evangelienspiels, auf das die einzelnen Auferstehungserfahrungen in straffen Linien gemalt sind - die Emmauserzählung, die Begegnung zwischen Jesus und Tomas, die Begegnung mit Jesus am See beim Fischen. Friedrich Ch. Zauner verbindet immer wieder Spiel und Deutung, Erlebnis und Glaubenshorizont. Das Element, das er hier einsetzt, ist der Chor, angelehnt an das antike Theater. Wortfetzen, Sprachschleier verdichten sich zur Botschaft, legen sich über die Handlung, geben den Blick wieder frei, verführen zum Weiterfragen, helfen zum Verstehen, zeigen die Verwandlung des Menschen auf dem Weg zum Glauben, führen aus der Nacht durch die Dämmerung der offenen Fragen in das Licht des Begreifens.
Das Geschehen ist eine ständige Bewegung, da ist nichts fertig und sicher, ein Spiel der vielen Fragen, auf die es zunächst keine einleuchtende Antwort gibt. Der Versuch, die Auferstehung festzuhalten, misslingt, selbst der den Leibrock verschachernde Römer muss das irgendwann einsehen.
Die Fragen verdichten sich - Sonnenaufgang eines neuen Glaubens, einer neuen Sicht auf Leben und Tod - ein neuer Tag hat begonnen: Unruhe treibt die Menschen, aus der Unsicherheit wird eine sich verdichtende Gewissheit: Eine neue Zeit ist da. Das ist die Botschaft, die Friedrich Zauner in seinen vier Evangelienspielen vermitteln will: Mit diesem Jesus von Nazaret ist eine neue Zeit angebrochen, menschliches Dasein wandelt sich, der Geist treibt an, bewegt, zerbricht starre und enge Weltbilder. Diese neue Zeit wird im Spiel vom leeren Grab anschaulich gemacht im Pfingstereignis. Wieder hält sich Zauner eng an das Neue Testament, an die Apostelgeschichte, aus dem Blickwinkel der Betroffenen, die den Geisterfüllten begegnen, auch in der Darstellung des Petrus und dessen freimütiger Pfingstpredigt. Hier lässt das Spiel wenig Raum für Deutung, hier ist die Botschaft im Vordergrund, eine Botschaft, die sich verdichtet im Schlussbild der aufbrechenden und gleichzeitig sich innerlich vereinigenden jungen Glaubensgemeinschaft.
Ostern auf der Bühne als Theaterstück darstellen, ist ein schwieriges Unterfangen. Denn es kann nicht nur um eine Abbildung dessen gehen, was in den Evangelien bereits unterschiedlich überliefert wird. Das leere Grab - das Negativbild wird zur Abbildung dessen, was für menschliche Logik und Vernunft unbegreiflich ist und bleibt. Zauners Evangelienspiel will und kann die Sichtweisen der Auferstehung, von Skepsis und Ablehnung über die sachlich-zweckdienliche Beurteilung bis hin zum Erleben einer neuen Wirklichkeit zu bündeln. Der Zuschauer kann sich den Weg mehr oder weniger aussuchen, den er in seiner Sichtweise und seinen Gedanken mitgehen kann und will. Die Fragen bleiben am Ende offen - das unbegreifliche wird allerdings begreiflich im Wirken des Geistes, im pfingstlichen Aufbruch hinein in eine neue Zeit. Den Glauben an die Auferstehung will dieses Spiel nicht abnehmen. Die Fragen nach Tod und Leben, die uralten Fragen der Menschheit, finden jedoch eine begreifliche Antwort - auch in einer Zeit, in der Leben und Tod für viele Menschen machbar und verfügbar geworden sind.

Das Grab ist leer - Einführende Worte