Es drängt mich
meinen spontanen Eindruck von der eben miterlebten Aufführung des
biblischen Schauspiels „Von Jakob, Josef und seinen Brüdern“
möglichst rasch und frisch mitzuteilen. Ich habe mich jahrelang, eigentlich
seit meiner Studienzeit, kontinuierlich mit den biblischen Überlieferungen
und darin handelnden und leidenden Figuren befasst. Die Kunstgeschichte
mit ihren unzähligen Bildern und die literarische Bibelnähe meiner genauer
studierten Dichter mit ihren Lebensläufen und literarischen Hervorbringungen,
von Hamann (über den ich dissertierte) über Klopstock, Lessing und bis hin
zu Goethe (der seine Bibel genau im Gedächtnis hatte) reicht also meine
Assoziationskette. Und so bin ich, von glücklichen Umständen geleitet, in
die Rainbacher Evangelien- und Mysterienspiele hineingeraten.
Ich gratuliere ehrlich und herzlich zu dem extra errichteten Theaterbau. Ich
sehe ihn als eine überwältigende hölzerne Basilika an, eine ARCHE im
Kubinschen Sinn, welche die Leute zusammenfasst und zu einem
meditativen Nachdenken bringt, so dass sie sich eigentlich alle aus einer
schier unerschöpflichen gemeinsamen Quelle oder Wurzel her kommend
erkennen, gleichgültig, wie sehr ihnen bisher schon ihr Denken für diese
grundierende Welt, für dieses Gravitationsfeld, das sie noch immer auffängt,
abhanden gekommen sein mag.
Der Innenraum mit seiner riesigen Öffnung hinauf zum Giebel, die Zeichnungen
und Malereien an den Wänden und am Proszenium, die Scheinwerfer im
Gebälk, die Bühne mit ihrer vom Kreuz- und Quadratmuster strukturierten,
verbergenden Wand, die mitunter sich auseinanderzieht und einen Ausblick,
eine gleichsam ausufernde und doch zugleich streng begrenzte
Szenenerweiterung freigibt in die baumlaub- und wipfelwogende freie
Landschaft hinaus: Vor diesem Hintergrund laufen Parabeln ab mit
unerbittlichem Gleichnischarakter auch für uns Heutige, Flüchtige,
Oberflächliche, für jeden von uns, ja auch für die Kinder verständlich und
einleuchtend dargestellt.
Die biblischen Geschehnisse und Geschichten, die der Autor freilegt, um sie
in ihrer zunächst noch verborgenen Zielgerichtetheit sichtbar zu machen, haben
mich, einmal mehr, davon überzeugt, dass das Alte Testament der am
striktesten auf Zukunftsorientierung hin komponierte Religionsbericht ist, den
ich in solchem Zusammenhang kenne. Die Jakobsleiter, die zwölf Stämme
Israels, der Alte Bund, der sich im Neuen erfüllt, um in die Weltgeschichte
und in das Weltgericht einzumünden: Kühner sind Verkündigung und innerer
Auftrag eines Volkes, das gleichnishaft für alle anderen Völker steht, nicht
mehr mitteilbar. Der Aufgabe, dies in schlichtes biblisches Welttheater
hinein zu übersetzen, ist vorbildlich nachgekommen worden.
Diesem Theater ist eine lange und fruchtbringende Zukunft zu wünschen.
Dr. Peter Kraft
Linz, im Juni 2013

Rainbacher Evangelienspiele