BGM ALOIS GIMPLINGER
Präsident der Rainbacher Evangelienspiele

Rainbach ist das, was man ein typisches Innviertler Dorf nennen kann. Es liegt am Fuße des Sauwalds in der Inn-Donauecke und ist eine Gemeinde, in der sich gut leben und wohnen lässt, mit einem neu geschaffenen Ortszentrum und eingebettet in eine schöne, naturbelassene Landschaft, die zum Spazieren und zum Wandern einlädt. Aber unser Dorf hat darüber hinaus eine Besonderheit, die es von anderen, ebenso schönen Innviertler Dörfern unterscheidet: Es ist der Geburts- und Wohnort von Friedrich Ch. Zauner, einem der bedeutendsten österreichischen Dichter der Gegenwart.

Zauner wurde 1936 hier geboren und hat, abgesehen von seinen Studien- und Wanderjahren, sein gesamtes Leben hier verbracht. Ich kenne ihn, darf ich sagen, von Jugend an, er war immer ein unauffälliger, ganz gewöhnlicher Bub. Dass er schon als 10jähriger mit dem Schreiben angefangen hat, davon hatten wir ja alle keine Ahnung. Gewusst haben wir, dass er ein sehr guter Schüler war. Er ist dann auch nach Linz in die Lehrerbildungsanstalt gekommen, wo er die Matura abgelegt hat. Anschließend studierte er an der Universität Wien Theaterwissenschaft. Auch in diesen Jahren hat er die Ferien und seine Freizeit immer daheim in Rainbach verbracht. Nach dem Abschluss seines Studiums erhielt er den Erasmuspreis und konnte damit ein Jahr in Rom verbringen, um dort das Handwerk des Filmemachens zu erlernen. In Rom hat er nicht nur seine Frau Roswitha geheiratet, er befasste sich erstmals auch mit dem Thema Bibel literarisch. Dass daraus einmal „Die Rainbacher Evangelienspiele“ werden würden, hätte er sich wahrscheinlich nicht vorstellen können.

Anschließend war er 4 Jahre lang in Obergurgl, Tirol, wo er eine einklassige Volksschule leitete. Als er feststellte, dass er mit der Literatur im Jahr soviel verdienen konnte wie mit der Arbeit als Lehrer, kam das Ehepaar Zauner 1965 endgültig nach Rainbach zurück. Was uns natürlich sehr freute, denn normalerweise kehren Menschen, die Karriere machen, dem Dorf eher den Rücken.

Vor einiger Zeit war ich zu einem Symposium mit Bürgermeistern aus Österreich und Bayern eingeladen, in deren Gemeinden berühmte Schriftsteller lebten, wie zum Beispiel Peter Rosegger, Ludwig Thoma, Thomas Bernhard, Karl Heinrich Waggerl und viele andere. Es sind dabei allerhand Probleme zur Sprache gekommen, etwa ob Führungen durch das Haus gemacht werden. Als ich gefragt wurde, antwortete ich: „Ihr sprecht alle von toten Dichtern, meiner lebt noch. Wenn ich eine Führung anbiete, liegt das Ehepaar Zauner vielleicht noch im Bett.“

Bei diesem Treffen ist mir eines besonders aufgefallen: Die meisten Gemeinden hatten große Schwierigkeiten mit ihren Berühmtheiten. Die Künstler standen sehr oft mit der Gemeinde und mit der Bevölkerung auf Kriegsfuß.

Bei Zauner liegen die Dinge ganz anders. Er war immer ein einfacher Gemeindebürger, der sich mit den Nachbarn gut verstand. Als Autor und als Mensch liegt ihm daran, eine möglichst gute Beziehung zu seinen Lesern und zu seiner Umwelt zu haben. Mir hat er zum 50. Geburtstag ein Wörterbuch zur oberösterreichischen Volksmundart geschenkt und als Widmung hineingeschrieben: ‚Lieber Bürgermeister, damit du deine Gemeindebürger immer richtig verstehst – und sie dich auch!’ Das ist typisch für unseren Zauner.

In einem Fernsehinterview hat er einmal behauptet, dass er das Dichten von seinen Landsleuten gelernt hat. Und wie sehr ihm seine Heimat und die Menschen am Herzen liegen, zeigt sich deutlich in seinem großen, vierbändigen Roman „Das Ende der Ewigkeit“, in dem er seiner Heimat ein Denkmal setzt. Er beschönigt nichts, aber er verdammt auch niemand, er beschreibt alles so, wie es wirklich gewesen ist. Obwohl er selbst behauptet, dass alle Figuren in seinen Büchern erfunden sind, geht es mir unwillkürlich doch so, dass ich mir einbilde, die eine oder andere Person, die darin vorkommt, persönlich zu kennen.

Zauner erzählt nicht nur über die angenehmen Seiten des Landlebens, bei ihm geht es manchmal ganz schön deftig her, aber weil er das alles ehrlich und ohne Hass und Überheblichkeit schreibt, nehmen es ihm die Leute nicht übel.

So war es auch kein Wunder, dass der Gemeinderat einstimmig dafür war, als ich vorgeschlagen habe, Zauner zum Ehrenbürger zu ernennen. Zum Fest der Verleihung sind die Zauner-Fans von überall her nach Rainbach gekommen, es war eine sehr stimmungsvolle Feier und Zauner war sehr gerührt, er hat sich wirklich über diese Auszeichnung gefreut.

In Rainbach, das kann ich mit gutem Gewissen behaupten, gibt es wenige Häuser, in denen nicht auch das eine oder andere Zauner-Buch zu finden ist. Viele Leute sind an dem interessiert, was er schreibt. Das zeigt sich auch in einem Beispiel: Schon bei seinem ersten Theaterstück „Spuk“ am Landestheater sind viele Rainbacher zur Premiere nach Linz gefahren. Bei einem seiner nächsten Stücke, „Menschenskinder“ am Landestheater Salzburg, organisierte man bereits einen Bus, um bei der Uraufführung dabei zu sein. Und das hat sich die ganze Zeit nicht geändert - sowie Aufführungen halbwegs in der Nähe stattfinden, sind die Rainbacher dabei. Die Leute halten ihrem Dichter die Treue.

Rainbach hat Zauner eine Menge zu verdanken, unsere Gemeinde wird oft in den Medien genannt, kommt in den Rundfunk und ins Fernsehen und viele Menschen von überall her reisen an, um den Autor zu besuchen. Oft sieht man sogar Autobusse vor dem Zauner-Haus stehen und hohe Persönlichkeiten sind bei der Familie Zauner zu Gast.

Dass der Fritz Zauner kein Wirtshausgeher ist, bedauern manche, denn wenn man mit ihm zusammensitzt, kommt man leicht ins Gespräch und kann sich mit ihm nicht nur über die Literatur, sondern über alles Mögliche gut unterhalten.

Auf eine solche Weise sind ja auch die Evangelienspiele nach Rainbach gekommen. Ich habe ihn eines Tages besucht und er erzählte mir von seinen Plänen. Da fragte ich ihn: „Und warum machst du das nicht bei uns in Rainbach?“ Zuerst war Zauner skeptisch, denn er meinte, dass das schon eine große Aufgabe für so eine kleine Gemeinde ist. Aber je länger wir gesprochen haben, umso mehr hat er sich mit der Idee angefreundet, die Spiele in seinem Heimatort auszurichten. Denn ich konnte ihn davon überzeugen, dass die Bevölkerung sich mit Begeisterung daran beteiligen wird.

Die Rainbacher Evangelienspiele sind Wirklichkeit geworden, prominente Taufpaten haben die Patronanz übernommen. Zauners Texte, die die Ereignisse vor 2000 Jahren zum Inhalt haben, mit denen unsere abendländische Kultur begründet wurde und die bis in unsere Gegenwart herein nachwirken, werden bei uns in Rainbach und nur hier und nirgendwo sonst aufgeführt. Neben den mitwirkenden professionellen Kräften sind viele Begabte aus der Region miteinbezogen, denn, was wir anstreben, ist, dem Publikum ein künstlerisches und kulturelles Erlebnis der besonderen Art zu bieten.

Rainbacher Evangelienspiele - Bürgermeister Gimplinger