Neues Buch:

Hans Würdinger:
Die Rainbacher Evangelienspiele Ein etwas anderes Theater
im Verlag Ennsthaler, Steyr

Das Buch enthält Beiträge u. a. von Dr. Hans Würdinger zu den vier Stücken, einen Vortrag von Univ. Prof. Dr. Gérard Thiériot, Paris, den dieser zum französischen Germanistentag 2007 in Grenoble gehalten hat, einen Aufsatz von Prof. Elfriede Prillinger unter dem Titel "Wiedergeburt antiken Theaters", Szenenfotos von Christa Zauner, sowie den hier zitierten Text:

 

Gérard Thiériot

Wie Gott sein Wohlgefallen hat an der Heimat

Friedrich Ch. Zauners Evangelienspiele

Dass Österreicher ein besonders zwiespältiges Verhältnis zum eigenen (Vater)Land, aber auch zur Heimat haben, zeigt ein breites literarisches Panorama, das von der rein folkloristischen, unkritischen Heimatdichtung bis hin zur vernichtenden Hassliebe eines Bernhard, einer Jelinek reicht : Hielt nicht Robert Menasse Österreich für " die Anti-Heimat " schlechthin ?

Hier nimmt der Dramatiker und Romancier Friedrich Ch. Zauner eher eine Zwischenposition ein : Fremd sind ihm sowohl die chauvinistischen Hüter der Blut-und-Boden-Dichtung als auch jene Engel der Verderbnis der no future-Dichtergeneration. Seine Sache ist es vielmehr, die Heimat zu rehabilitieren, indem er sie wieder belebt, als den Mutterboden, den sogar menschenfreundliche, weltoffene Geister brauchen.

Dass hier ausgerechnet auf seine Evangelienspiele zurückgegriffen wird, um dies anschaulich zu machen, wird einen wohl stutzen lassen, spielen sie doch in Palästina, einem zwar mythischen, aber doch - mit seinen Wüsten, seinen Palmenhainen, seinen Ölbäumen, seinem besetzten Jerusalem - recht typisierten Gebiet. Dass Motive aus dem Leben Christi an eine österreichische Heimat angeknüpft werden, muss schon überraschen und könnte an eine Flucht nach oben, an einen schließlich durchaus konventionellen, sinnentleerten Eskapismus denken lassen. Dafür ist aber Zauners Vorhaben zu ehrgeizig und es wird den ängstlichen Menschen wohl kaum besänftigen, denn das Heimat-Motiv wird bei ihm synkretistisch behandelt : Es gilt nämlich, die Widersprüche der Gemeinschaft zu harmonisieren - nicht dass sie so unbedingt gelöst würden, aber sie werden auch nicht ignoriert noch verschönert. So verstanden lautet die Frage : " Was macht die Heimat aus, und was hält sie zusammen ? ".

Was Zauner mit den Evangelienspielen auf die Bühne bringt, ist diese bedeutende, charakteristische, für den heutigen Menschen durchaus aktuelle Übergangsperiode, die sich kennzeichnet durch ihre politischen und religiösen Irrungen und Wirrungen, in einer Welt, die die römische Supermacht sich untertan zu machen versucht, allein vom Willen geleitet, ihre militärische Macht aufrechtzuerhalten, und die von Widerstand leistenden Sekten angenagt wird. So ermöglicht das religiöse Drama, dass wir schon hienieden einen Platz finden : So wird die alte Furche wieder besät, und die kollektive Identität wird wieder einmal wahr ; so begründet das Wort Gottes, dank seiner rhetorischen Permanenz, den alt-neuen Diskurs.

* * *

Dies impliziert eine Rückkehr zu den ursprünglichen Fundamenten, zu jener Vorzeit, jener Matrix, die Heimat auch ist, wird sie doch geprägt vom - ach ! so romantischen - Wunsch nach universaler Harmonie. Dabei dürfen sich im heimatlichen Nest die gestandenen Mannsbilder seit alters her ruhig prügeln und zerstreiten, - daran hat uns die bayerisch-österreichische Bauernkomödie gewöhnt, etwa Ludwig Anzengrubers Kreuzelschreiber, mit ihren ewigen Raufbolden, Querulanten und Miesmachern, mit denen kleine, gemeinhin verachtete Leute - heißt es - sich so gern identifizierten. An sie erinnern in Palästina die Hochzeitsgäste zu Kana, ungeduldige Saufbrüder, die der Mangel an Wein erzürnt und beinahe gewalttätig werden lässt. Hier beschreibt Zauner, was die Heilige Schrift nicht näher erwähnt : In seinem Stück Zeichen und Wunder erleben die Zuschauer Christus samt seinen Jüngern, wie sie durch das Land ziehen und missionieren, bis zum Leidensweg. Eines ist aber ganz besonders hervorzuheben : Mit der Vermählung zu Kana, diesem sich bildenden Ehepaar - von den Eltern gesegnet, von den Freunden begrüßt -, mit diesem Kern einer neuen Familie, in dem zu wiederholtem Mal Adam und Eva zu erkennen sind, geht ein Vorhang auf, der uns das aufkeimende Selbstbewusstsein einer Gruppe von Menschen, einer Gemeinschaft, entdecken lässt, aus der die Heimat hervorgehen wird. Nun, aller Anfang ist schwer : Die schlampige Organisation des Festes und der arge Mangel an Wein drohen die Tischgesellschaft aufzulösen, jeder verliert seine Identität, es hatte ja genau genommen noch niemand eine. Was irrigerweise einen Sinn zu haben schien, hat so keinen mehr. Und weil keine Oberinstanz mehr waltet, beziehungsweise weil keine sich bemerkbar macht, wird alles sinnlos ; was sich hehr deuchte, verkommt zur grotesken Albernheit : Nacht, die in einen frühen Morgen übergeht. Die Personen sind Schemen noch ohne genauere individuelle Züge. [.] die Musiker intonieren nicht mehr exakt und verlieren den Rhythmus. Die Tänze sind müde, ihre Bewegungen fallen aus dem Takt und geraten manchmal bis ins Groteke, die Lieder klingen wie Brunftgesänge, die sich derb und sinnlich in der Nachtstille verbreiten. [.], ein tristes Schauspiel, menschenunwürdig, von dem sich die Gemeinschaft der Jünger, welche etwas abseits sitzen, sich stark abhebt :

[.] Im Vordergrund, auch nur als Silhouette, zeichnet sich eine Gruppe von Männern ab, die auf einem Hügel sitzen. Jesus im Kreise seiner Apostel. Sie sind Gäste der Hochzeit, haben Becher in den Händen und trinken auch [.]. Sie sind nicht betrunken, sondern trunken. Sie verbrüdern sich, umarmen sich gern, bestärken einander, wo sie unterschiedlicher Meinung sind, sind sie es in liebevoller Art. (Zeichen und Wunder, Bild 1), eine wahre Gemeinschaft hier, die auf gegenseitige Achtung und Liebe gegründet ist, der Meinungsunterschiede nicht fremd sind (Jünger sind ja schließlich auch nur Menschen !), die sich aber eben davon bereichert fühlen, weil solche Unterschiede letzten Endes in eine höhere Harmonie münden können. Und diese Eintracht aller Apostel wird ihrerseits durch ein Wunder überhöht, als Christus Wasser in Wein verwandelt, wobei das eigentliche Wunder in der Wiederherstellung des Einklangs zwischen den Hochzeitsgästen besteht, die nun endlich von der Einsicht in das Lebenswichtige geeint sind. Der Speisemeister, ein frecher Schieber, muss es zugeben :

SPEISEMEISTER [.] Muskat, nein, nicht Muskat, wenn es die Sorte Reben gäbe, würde ich sagen (trinkt) Blut, (trinkt) süßes Blut, Taubenblut, jaja, von Tauben, wie sie im Tempel geopfert werden.

Und das Gezänk, das der fehlende Wein verursacht hatte, hört auf, nicht weil jeder sich nun wieder ruhig besaufen kann, sondern wegen der wirkenden Gnade jener Verwandlung von Wasser in Wein : Das Fest breitet sich immer mehr aus, es hat den Anschein, als nähme die Anzahl der Gäste ständig zu. Die Tänze, das Lachen und Musizieren wird zunehmend fröhlicher, ausgelassener, ekstatischer, es wird fleißig dem Wein zugesprochen, dieser tut auch seine Wirkung, allerdings stellen sich keine Anzeichen üblicher Betrunkenheit ein, die Männer und die Frauen werden davon enthusiasmiert, wirken fröhlich, wie von der Kette genommen, ein jahrmarktähnliches Freudenfest entsteht mit tänzerischen, artistischen und akrobatischen Einlagen [.]. (Zeichen und Wunder, Bild 1)

Nicht der Weingeist, sondern der Heilige Geist hat hier die Eurhythmie der Gemeinschaft ermöglicht, jene harmonische Trunkenheit, die die Menschen Gott näher bringt, nämlich dem Prinzip Eintracht, das das Leben hienieden erst möglich macht. Eben in dieser Harmonie befindet und findet sich die Gemeinschaft wieder - als Heimat, als einheitliches Zusammenspiel von Einzelpersönlichkeiten, als segensreiche gottgewollte Synthese aller Zerwürfnisse. Ein solcher Einklang weist eine universale, kosmische Dimension auf, da der Mensch so in den Schoß Gottes zurückkehrt, was der Chor verkündet : Der Chor hatte sich sukzessive bereits unter die Hochzeitsgäste gemischt, allmählich erwächst daraus eine Chorszene. Der Charakter des Hochzeitsfestes aber wird übernommen und weitergeführt, nur gestaltet sich jetzt quasi die 'Vermählung des Gottessohnes mit der Welt'.

So hat Gott sein Wohlgefallen an einer Gemeinschaft, so findet sie ihre Rechtfertigung auf Erden, im Einvernehmen mit dem göttlichen Plan. Das Bild schließt dann mit dieser kosmischen Verschmelzung aller Dinge und aller Lebewesen : Die Szene endet in ausgelassener Fröhlichkeit. Die Tanzbewegungen von luftiger Leichtigkeit, schwerelos, werden in völliger Lautlosigkeit weitergeführt. Die Figuren heben sich silhouettenhaft im ersten Morgenlicht ab und lösen sich allmählich auf, indem sie sich mit dem Hintergrund verbinden und zu Teilen der umgebenden Landschaft zu werden scheinen. (Zeichen und Wunder, Bild 2)

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Durch dieses erste Wunder macht Christus anschaulich, wie seine Schafe sich zusammenschließen und miteinander leben sollen. Und umgekehrt : So wird die Heimat den Geist empfangen können, der ihr die Unsterblichkeit der Seele schenken wird. In dem Land Israel, das noch auf den Erlöser wartet, kollidieren zwei Denkarten : die von Jesus und die von Judas - beide wollen das Land befreien, auf diametral entgegengesetzte Weisen. Judas Ischariot ist in Zeichen und Wunder (so wie Pontius Pilatus und Herodes in Passion) der politisch Denkende, der das jüdische Volk von der römischen Besatzungsmacht, von der fremden Herrschaft, befreien will. Er ist der Aktivist, sammelt die hier und da erhaltenen Spenden, die Münzen, die die fliehenden Verkäufer im Tempel auf den Boden fallen ließen, ein hübsches Vermögen für die gemeinsame Sache : Er ist der Unternehmer, der Geschäftsmann dieser sich bildenden Kirche, die Investitionsgelder braucht. Für ihn ist die Gemeinschaft der Anhänger Christi notwendigerweise die kämpferische Zelle der Machteroberung : Judas politisiert die Heimat. So besteht seine Strategie darin, dass genau festgelegt wird, in welcher Reihenfolge die verschiedenen jüdischen Gemeinschaften Israels aufgesucht werden. Diese Gemeinschaften will er, der Pragmatiker, zu einem Staat zusammenschließen, der die fremde Vormundschaft von sich abschüttelt, wenn auch auf Kosten ihrer eigenen Identität. In einem langen Monolog zeigt er sich diesbezüglich entsetzt von der Unverantwortlichkeit, die er bei seinem Herrn zu entdecken vermeint :

JUDAS [.] [Jesus] hätte es in der Hand gehabt, das Jahr Null einer ganz neuen Epoche einzuläuten, und es hätte ein Reich werden können ohne Armut, ohne Not, ein Land der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, ein Land ohne Herrscher. Ein Volk der Gleichen. Alle würden aus einem Napf gespeist, alle tränken vom lebendigen Wasser, ein Dach schützte den Schlaf aller. Und er betet zum Vater. (schrill) Aber ist doch nur der Sohn eines Zimmermanns ! (nähert sich) Du hast uns verraten. (Zeichen und Wunder, Bild 19)

Der argumentierende Judas bezieht sich eher auf das Vaterland, auf den starken, schützenden Staat, wohingegen die Heimat in Gott ihre Rechtfertigung findet, als entmaterialisierte, vergeistigte menschliche Gemeinschaft. Der Vierfürst Herodes teilt Judas' chauvinistische Analyse : Auch seinem Ehrgeiz genügte es, wenn " diese vermaledeiten Römer " aus dem Land gejagt würden (Der Rufer in der Wüste. Johannes, Bild 9). So auch Pontius Pilatus, eigentlicher Protagonist und interessanteste Figur in Passion (in diesem Stück bleibt Christus stumm) : Er, der als Statthalter die ganze Macht in seinen Händen hat, ist das fremde Element, das als solches Widersprüche und Störungen, die grundlegende Disharmonie der Gemeinschaft, zum Vorschein bringt. Er, der aufgeklärte Denker, der Zweifler, der im Namen der Staatsräson Handelnde, untersucht, zerlegt, will verstehen, und stellt die chaotische Lage der Juden fest. Er denkt und handelt als Staatsmann, betrachtet den Staat, den er besetzt, aber auch den, dem er entstammt : ein Kaiserreich, ein Imperium - ein Vaterland. Seine Gedankengänge sind abstrakter, orientieren sich am rationalen Denken, dabei bleiben sie dennoch pragmatisch, werden sie doch getragen von einer regelrechten - und im weitesten Sinne - Weltanschauung. Ob er nun ganz Palästina meint oder einfach Jerusalem : Seine Reden sind geprägt von der Universalität praktischer Werte. Schließlich ist Judas, so feindlich er ihm gesinnt sein mag, sein Ebenbild und handelt ähnlich : Auch er ist eine Eroberer-Figur, auch er will sein Volk dazu bringen, dass es die Staatsführung für sich beansprucht, während Christus meint, man solle " dem Kaiser geben, was des Kaisers ist ", nämlich die bedeutungslose irdische Macht.

Jesus - so wie er in Zeichen und Wunder spricht und in Passion handelt - erweist sich als der Moralist, der sich anschickt, die Menschen von Korruption und Leid zu befreien, und dies innerhalb der Gemeinschaft. Er gründet eine Heimat, neben anderen, und alle sollen ohne Aggressivität noch Gleichgültigkeit, vielmehr in Eintracht nebeneinander fortbestehen : so viele Gemeinschaften, so viele Heimaten, jede am Rande einer globalisierten Welt zwar, und doch unentbehrlich für die Welt, unentbehrlich für die universale Sinnspendung. Also ist die Heimat in einem toleranten Subjektivismus, in der emotionalen Wahrnehmung der Welt begründet. So werden Scholle und Universum dadurch in einen Zusammenhang gebracht, dass die Wunder sich an jenen vertrauten Schauplätzen ereignen, wo Menschen leben und leiden. Wenn in Passion Christus kein Wort zu sagen braucht, so deswegen, weil die Gemeinschaft von seinem Geist getränkt ist und jeder so imstande ist, die richtige Wahl zu treffen und seine Seele zu retten. Eben diese emotionale Wahrnehmung des Lebens festigt für Zauner eine Heimat, die ihre Blut-und-Boden-Entartungen losgeworden ist :

PILATUS Deine Stimme klingt gut. Sie tut wohl, in einem Land der schrillen Töne . (Passion, Bild 11)

Die hier versprochene Metamorphose erfolgt am auffallendsten in Passion. Unter dem römischen Gesetz lebend, gibt das kleine Volk von Jerusalem das Spektakel seiner Streitigkeiten, seiner gehässigen Aggressivität. Im 15. Bild treten Krüppel und Bettler auf, die Jesus nicht durch seine Wunder von ihrer Not befreit hat (es sind ja der Krüppel so viele !). Sie improvisieren ein Fest, wo getanzt wird, soweit sie dazu in der Lage sind, und Lieder werden angestimmt, in denen die Reden Christi entstellt, veralbert werden - eine groteske, unheimliche, albtraumhafte Aufführung, deren Boshaftigkeit mehr noch als deren Scheußlichkeit Pilatus in Grauen versetzt :

KRÜPPEL (singen) Der Lahme sagt zum Blinden : Nimm dein Bett und geh ! Der Blinde sagt zum Lahmen : Tu deine Augen auf und schau ! Horidioooo. Wer das Gras wachsen hört, Ist lang noch kein König !

PILATUS (für sich) Der Anblick solcher Kreaturen macht mich selber zum Krüppel ! Tiere, wilde, bedauernswerte Monster. [.] das Gesetz wird zur Ware, die sich jeder zu seinem Preis einkauft. (Passion, Bild 15)

So singt und tanzt eine Gemeinschaft von Krüppeln, vielmehr eine krüppelhafte Gemeinschaft, die kein gemeinsamer Glaube einend hinanzieht, eigentlich eine lose Ansammlung von egoistischen Interessen. Erst später, nach Christi Leidensweg, findet die Einigung statt, befreit sich die Gemeinschaft im natürlichen Verlauf der Dinge : Das Kreuz dominiert im Hintergrund. Allmählich saugt der Chor alle Figuren der Szene an, sodaß er als Gesamtkörper die Bühne beherrscht.

CHOR Die Tage sind da. Die Blinden führen wir jetzt, die Lahmen lehren wir gehen, die Mühseligen und die Beladenen, wir nehmen sie auf uns. Die Hungernden speisen wir, und die unglücklich sind, wir lassen sie weinen an unserer Seite . denn, siehe, die Tage sind da. (Passion, letztes Bild)

Was Zauner uns vorschlägt, die wir in einer Zeit des verherrlichten Individualismus und des siegreichen Liberalismus leben, ist, dass mit den Evangelien die Menschen durch ein gemeinsames In-sich-gehen die Menschlichkeit entdecken sollen, die das kollektive Bewusstsein der Heimat erst recht festigen wird. Vorbild : Jesus als Menschensohn also. Denn Jesus bringt die Gemeinschaft dazu, das eigene Bild zu hinterfragen, damit sie sich mit ihm (Jesus) identifiziert, auf ihn ihre Hoffnung setzt, wenn er auch selber als Gottessohn ihr fremd bleiben muss : Dieses Paradoxon, dieses Wunder erwirkt es, dass die Heimat sich die Frage der Identität stellt. Bei Zauner also ist die Heimat mit Christus nicht mehr Refugium, Zufluchtshafen, sondern selbstbewusste und doch weltoffene Stätte, und zwar eben deswegen selbstbewusst, weil sie der Mitwelt offen ist. Die Frage der Identität sowie die damit verknüpfte Frage der Integration werden so nicht durch die Ausschließung des 'Fremden' geregelt (ein Lieblingsmotiv der konventionellen Heimatdichtung), auch nicht durch die Assimilation des 'nützlichen', Gewinn bringenden Fremden, sondern durch den großzügigen Empfang des Anderen, welcher dieses rettende Selbstbewusstsein eben begründet. Und das ist es auch, was Johannes der Täufer im Sinne hat :

Der Chor nimmt die Sprüche von den Leuten auf. Zunächst geht eins ins andere über, die Texte werden gemeinsam synchron oder auch asynchron gestaltet. Allmählich verselbständigt sich der Chor, seine Darstellung verliert den interpretatorischen Charakter und gewinnt Eigenleben (Der Rufer in der Wüste. Johannes, Bild 5), denn so entsteht eine lebensfähige Gemeinschaft.

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So kann Heimat mehr als Hort der Selbstsüchtigen bedeuten, nämlich der Platz sein, wo der Mensch sich verwirklicht. Zauner zeigt, wie das Wort Christi die Menschlichkeit jedes Einzelnen, auch die der Heimat als wahrer Gemeinschaft, sichert : Das Wort Gottes verleiht der Rede des Gerechten Syntax und Semantik. Das erleben wir in Zeichen und Wunder, da Jesus vor einer Menschenmenge Wunder tut, die - vor allem in den Hinterreihen - nicht deutlich wahrgenommen werden. Und siehe da, die Krüppel verstehen, ohne es zu vernehmen, und 'übersetzen' wortwörtlich das Geschehen : Aus den einzelnen Rufen formt sich allmählich ein gemeinsames Lied der Krüppel, das einen sehr hoffnungsfrohen Charakter ausstrahlt, trotzdem es erschreckend kakophonisch klingt. (Zeichen und Wunder, Bild 7) Später wird eine Stafette - scheinbar vergeblich - versuchen, die Worte Christi jenen wiederzugeben, die sie nicht gehört haben, Fetzen erst, die nicht verstanden, ja entstellt werden, aber das Wort konstituiert sich schließlich doch und eint die Menschen, festigt jene Heimat, die ihr alleiniger, gültiger Lebensrahmen ist, allein fähig, die verschiedenen, gar voneinander abweichenden Interessen einzuschließen und zu einer Einheit zu verbinden :

JUDAS [.] Ausgezehrte, Halbverhungerte, die sich eigentlich kaum auf den Beinen halten können, Huren, Diebe, Gesindel, Zöllner, Rechtlose, Kinder, Greise, Dumme, Gebildete, alles im wirren Durcheinander : Volk ! (sammelt eine Spende von einem Bettler ein) Was für eine Stärke noch in solchen ausgezehrten Kreaturen steckt ! Welcher Wille, eine Wucht, um Berge damit zu versetzen. [.] Er kommt aus dem Volk, er spricht seine Sprache. [.] Ja. Die Zeit ist da, es wird das Reich der Menschen [.] . (Zeichen und Wunder, Bild 9)

Und so wird möglich, dass Menschen, die von Natur aus vernünfteln und raufen und Konflikte schwerlich mit Worten beizulegen wissen, doch - da der Hoffnung fähig - in der Lage sind, sich zu retten. Da ist die Heimat auf ihrer bescheidenen Ebene, ohne dabei die nachbarlichen noch die entfernteren Gemeinschaften auszuschließen, in der Tat " das Reich der Menschen ".

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So entsteht denn auch die Heimat idealiter : nicht im chauvinistischen, fanatischen Wahn, sondern in der gemeinsamen Überzeugung, dem moralischen Fortschritt zu dienen. Dann können wir mit dem Chor aus Zeichen und Wunder (10. Bild) sagen : " Die Zeit ist da. Das Haus hat seinen Hüter ". Die Heimat soll damit zurechtkommen, ja sie darf sich, besser gesagt, etwas darauf zugute halten, dass sie nicht absolute Vorbedingung, sondern schlicht Rahmen für ein besseres Leben schon hienieden ist. Verherrlicht Friedrich Ch. Zauner das Wort Christi, so auch zugleich die Heimat : die Evangelienspiele, hat er festgelegt, dürfen im deutschsprachigen Raum nur in seiner Heimatstadt Rainbach aufgeführt werden. Auch hat er bestimmt, dass ihr Zweck nicht rein folkloristisch sein darf :

" [Die Rainbacher Evangelienspiele] wollen zeigen, dass auf dem Dorf nicht nur Brauchtum und Volksmusik, nicht nur Vergangenheit gepflegt werden, sondern dass von hier auch neue Denkanstöße ausgehen können. Wir möchten, dass in den Rainbacher Evangelienspielen etwas zustande kommt, das alle Menschen, Jung und Alt, betrifft, weil hier ein Stück abendländischer Kultur zur Diskussion gestellt wird ".

Theater wird so - und zwar nicht bloß der dramatische Text, sondern die dramatische Praxis insgesamt - zum Mittler des Lebens. Die Heimat wird zum Platz, so wie Lazarus' Behausung in Zeichen und Wunder, wo alle Widersprüche der Menschen zutage kommen, gelebt werden, wenn sie auch nicht unbedingt überbrückt werden. Heimat ist dann - kraft ihrer besonderen, örtlichen Regeln eben - Ort der theatralischen Vermittlung zwischen Mensch und Gott, zwischen der Menschheit und der kosmischen Ordnung. In diesem Rahmen erscheint Christus als " Volksheld ", Held eines Volkes, einer Gemeinschaft, einer Vielzahl von Gemeinschaften, die noch aufzubauen sind :

JUDAS [.] [Der Heiland] besäße alles, was ein Volksheld braucht, er hat das Charisma. [.] Dieses Volk, er hat es uns gezeigt, buchstäblich, sichtbar vor aller Augen, es ist noch von den Toten aufzuerwecken [.] . (Zeichen und Wunder, Bild 19)

Diese Bewusstwerdung der Heimat erfolgt am Ende von Das Grab ist leer, da Jesus auferstanden ist und der Apostel Petrus dem Volk zu Jerusalem predigt : Alle Anwesenden [.] wachsen zu einer Gemeinde zusammen.[.] Immer mehr wächst die Menge auf dem Platz zu einem geschlossenen Körper zusammen [.]. Keine Einzelperson hebt sich mehr aus der Menge hervor, und da ereignet sich das eigentliche Wunder, nicht die von Judas Ischariot erhoffte Machtübernahme, sondern der Anschluss der örtlichen Gemeinschaft an die Universalordnung, an die göttliche Harmonie : Aus einem ungeordneten Klangteppich der Schreie, Gebete, des Stampfens und Klatschens formt sich allmählich eine einheitliche Melodie, verfremdet, aber erkennbar handelt es sich um 'Großer Gott, wir loben dich'. (Das Grab ist leer, Schlussbild)

Glück kann dem Menschen erst dann beschieden werden, wenn ihm bewusst wird, was den Lebensrahmen, die Heimat wirklich erfüllen, beseelen kann. Es gilt, sich zu entscheiden :

JUDAS Es gibt nur zwei Sprachen, die das Volk versteht : den Himmel und die Macht (Zeichen und Wunder, Bild 21),

eine Wahl, die uns Paradies oder Hölle bescheren kann.

(Dieses ist der deutsche Text eines Vortrags, den Univ. Prof. Dr. Gérard Thiériot unter dem Titel La Heimat à l'épreuve de Dieux: Les dramas religieux de l'Autrichien Friedrich Ch. Zauner zum französischen Germanistentag 2007 in Grenoble gehalten hat)

 

Die Rainbacher Evangelienspiele Ein etwas anderes Theater